Quelle: Hamburger Abendblatt, 25. August 2007

Rotkäppchen und der Wulff

Ministerpräsident: Beim Besuch warteten schon die A-39-Gegner

Vor der Wassermühle Heiligenthal bekam der Landeschef Wein, Kuchen und ermahnende Worte von der Bürgerinitiative. Doch das beeindruckte ihn nicht.

Von Carolin George

Heiligenthal - Den 70. Geburtstag ihrer Freundin feiern wollten Erika Vogler und Ingrid Töpfer an diesem Nachmittag im Restaurant Wassermühle in Heiligenthal fünf Kilometer südwestlich von Lüneburg. Doch die Schnittchen mussten warten: "Die Sicherheitsleute telefonieren schon, bestimmt kommt er gleich", tuscheln die Damen im Sommerkostüm, sie haben gehört, dass der Herr Ministerpräsident zu einem Abstecher in die Lokalität kommt.

Die Geburtstagsgäste waren am Donnerstagnachmittag nicht die Einzigen, die auf Christian Wulff (CDU) warteten: Rund 20 Gegnerinnen und Gegner der geplanten Autobahn 39 von Lüneburg nach Wolfsburg hatten sich vor dem Restaurant postiert, eine von ihnen mit rotem Kopftuch und Blümchendirndl verkleidet: "Rotkäppchen und der Wulff" nannten die Antiautobahner ihre Aktion.

Einen Korb mit "Verkehrs-Verhüterlis", eine Brille "für mehr Durchblick bei verkehrspolitischen Alternativen", Wein und Kuchen überreichte Rotkäppchen Vera Schwab dem Ministerpräsidenten, verbunden mit der Hoffnung, er werde "bald das Ende dieser Nonsense-Autobahn verkünden". Darauf wird sie noch länger warten müssen: Wulff betonte, er halte die A 39 "für absolut notwendig".

Rückblick: Als Josef Röttgers (CDU) vor gut einem Jahr seinen Wahlkampf in Gellersen führte und dabei Parteikollege Christian Wulff kennenlernte, versprach er ihm eine Einladung für den Fall seines Wahlsiegs. Er siegte, erneuerte seine Einladung - und im Zuge seiner Sommertour nahm Wulff sie an, stoppte in Kirchgellersen, Südergellersen und Heiligenthal.

Stau auf der Autobahn ließ den Gast eine halbe Stunde zu spät kommen, dann flitzte er durch die Firmen "Hildebrand und Richter" sowie "Lünekartoffel".

Und wunderte sich später: "Wenn 100 Kilo Kartoffeln 40 Euro kosten", und eine Baked Potato im Steakhouse vier Euro, "dann liegt die Spanne sicher nicht beim Landwirt".

Zu essen gab's schließlich beim Dehoga-Kreisvorsitzenden Martin Zackariat in seiner Wassermühle in Heiligenthal, das Thema Nichtrauchergesetz konnte dort nicht ausbleiben: "Mein freiheitlicher Ansatz war eine Fehleinschätzung", gab Wulff zu, "es hätte sich nichts geändert." Jetzt wolle er alles tun, nach der "lebhaften Debatte mit dem Dehoga das gute Verhältnis wiederherzustellen".

Als Wulff und sein Tross weiterverfahren, gibt's auch für Erika Vogler und Ingrid Töpfer endlich Schnittchen: Den beiden Damen ist ohnehin klar, was passieren wird - ob die Autobahn nun wirklich notwendig sei oder nicht: "Wenn sie erst mal da ist, fahren alle drauf - auch die Gegner."

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