Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 11. Juli 2006

Autobahn lässt Heidjer beben

Der geplante Bau der A 39 spaltet in der Heide die Geister. Etwa die Hälfte der Anwohner erhofft sich Vorteile, die andere Hälfte spricht sich gegen die Pläne aus. Die Autobahn 39 von Wolfsburg nach Lüneburg gibt es bisher nur auf dem Papier: als „vordringlicher Bedarf” im Bundesverkehrswegeplan. Vor kurzem lief die Einwendefrist ab gegen die als „Vorzugsvariante” wahrscheinliche Trasse, die östlich von Uelzen verläuft – über 9500 Einwendungen sind eingegangen. Entlang der geplanten 110 Kilometer langen Strecke haben sich Gegner und Befürworter formiert. „Hoffentlich kommt sie”, sagt Ernst August Willenbockel. „Am besten mit einer Abfahrt hier in Gifkendorf.” Von seinem Hof bis zum Kartoffelacker, wo die Autobahn gebaut werden soll, sind es nur 500 Meter. Wenn die A 39 kommt, wird es lauter werden in dem 200-Einwohner-Nest, das derzeit noch abseits der Kreisstraße zwischen Uelzen und Lüneburg vor sich hin schlummert. In der Hoffnung auf Fortschritt will Willenbockel den drohenden Krach in Kauf nehmen. Der 59 Jahre alte Gemüsebauer gehört zu denen, die „nicht gegen alles sein wollen”. Er hat in seine Wintergerste ein Schild „Pro A 39” gestellt. Sein Kollege Hans-Heinrich Kruse im nah gelegenen Wendisch-Evern hat hingegen Plakate mit dem Slogan „Keine A 39” auf seinen Äckern platziert. Der Landwirt und CDU-Ratsherr streitet in der örtlichen Bürgerinitiative gegen die Autobahn, die auch seine Felder und Jagdgebiete durchschneiden soll. „Die brauchen wir nicht”, sagt der 43-Jährige. Mit seinen Hunden Aris und Birga will Kruse weiter in Ruhe am Elbe-Seiten-Kanal entlangradeln können, auch diese Idylle würde die Trasse zerstören. Und überhaupt bringe die Autobahn, wo auch immer in der Heide sie verlaufe, den Menschen hier keine Entlastung, sondern durch Lastwagen auf Durchreise bloß Lärm und Gestank. Das derzeitige Raumordnungsverfahren geht auf ein Versprechen von Niedersachsens damaligem Ministerpräsidenten Gerhard Schröder an Volkswagen zurück, die A 39 wird seitdem auch als „VW-Autobahn” bezeichnet. Tatsächlich würde sie Fahrten vom und zum Wolfsburger Autowerk deutlich vereinfachen. Ihr volkswirtschaftlicher Sinn ist darüber hinaus höchst umstritten. Angesichts des recht niedrigen Kosten-Nutzen-Faktors, auf den selbst die Straßenbaubehörden verweisen, dürften sich die umworbenen privaten Geldgeber zurückhalten. Auch wenn der Bau nicht vor 2010 erwartet wird, ist kräftiger Gegenwind schon seit Jahren zu spüren. Und er wird stärker – derzeit vor allem in den Orten, die Ende März erfahren haben, dass sie an der vermutlichen Strecke liegen. „Immer neue Kommunen wachen jetzt auf”, meint Annette Niemann vom Dachverband der 33 Bürgerinitiativen. So will sich Lüneburg gegen eine Trassenführung durchs Stadtgebiet stellen. Und sogar in den Dörfern an der parallel verlaufenden, überlasteten Bundesstraße 4, die sich von der Autobahn zunächst Verkehrsberuhigung erhofft hatten, wachse nun Widerstand. Denn Landeswirtschaftsminister Walter Hirche (FDP) hat bei einer Bürgerversammlung bekannt, „dass die A 39 die Probleme auf der B 4 nicht lösen wird”. Während auf der Bundesstraße vor allem Regionalverkehr fließt, würde die Autobahn als zusätzliche Transitstrecke dienen. So setzen sich die A 39-Gegner denn auch für einen Ausbau der Bundesstraße ein – mit Ortsumfahrungen und neuen Markierungen, die das Überholen von Lastwagen erleichtern. Auch in den großen Parteien, einst allesamt „pro Autobahn”, hat ein Umdenken eingesetzt. Rainer Leppel, SPD-Kreistagsabgeordneter in Lüneburg, bekennt sich zur politischen Kehrtwende. „Ist eine Autobahn nicht sinnvoll, dann muss das erkannt werden, solange es noch nicht zu spät ist”, verkündet er im Schaukasten seiner Partei in Wendisch-Evern. Im CDU-Ortsverband hat Bauer Hans-Heinrich Kruse erfolgreich Überzeugungsarbeit geleistet. Ohne Gegenstimmen hat der Rat, wie die Samtgemeinde Ostheide, die Autobahn abgelehnt. Im Raum Uelzen wollen die Bürgerinitiativen im September mit eigenen Kandidaten für den Kreistag kandidieren. „Das wird eine reine Autobahnwahl”, fürchtet Landwirt Willenbockel. Schon bei der Europawahl hätten die Grünen wegen des Themas stark zugelegt. Der Autobahnbefürworter sieht dennoch neben der Industrie- und Handelskammer die Hälfte der Bevölkerung auf seiner Seite. Von der A 39 erhoffen sie sich Gewerbeansiedlung, oder, wie Willenbockel, „die Möglichkeit für meine Tochter, zur Arbeit nach Hamburg zu pendeln”. Dass etwa die Hälfte der Leute „pro Autobahn” sei, vermutet auch Gegner Kruse. In den Dörfern wird das Thema, wenn beide Gruppen aufeinander treffen, gern gemieden. Doch ist es bei Radtouren oder Feuerwehrfesten auch schon zu heftigem Streit und sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen. Auf dem Hof Kruse allerdings wohnen „Pro” und „Contra” friedlich unter einem Dach. Heinrich Kruse, der Altbauer, hat sich vom Sohn nicht bewegen lassen, ein „Keine-A 39”-Bekenntnis an seinen Omega zu kleben. Die Protestliste hat der 70-Jährige zwar unterschrieben – aber nur gegen jene Trasse, die an seinem Wohnort entlang führt.

Gabriele Schulte

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