Quelle: Landeszeitung, 26. Juni 2006

A 39-Gegner sehen rot

400 Lüneburger protestieren gegen “Zerschneidung der Stadt”

rast Lüneburg. “Eine Autobahn mitten durch die Stadt ist ein Anachronismus im 21. Jahrhundert – wir werden das verhindern. Das gilt für die jetzige Vorzugstrasse wie auch für alle anderen Varianten in Richtung Ebensberg.” Das machte Oberbürgermeister Ulrich Mädge an ungewohnter Rednerstelle klar – auf der Freitreppe des Landgerichts, wo er vor 400 in der Protestfarbe Rot gekleideten Autobahngegnern sprach. Zuvor hatten ihm Stefanie Becker und Gabriele Parnow-Kloth 5000 Unterschriften gegen die geplante A 39 überreicht.

Mit Menschenkette, Protestzug und Kundgebung, organisiert von der Bürgerinitiative Lüne-Moorfeld, demonstrierten die 400 Lüneburger Sonnabend gegen die Vorzugstrasse. In die Menschenkette zum Aktionsauftakt zwischen Klärwerk und Meisterweg – nahe der geplanten Trasse – reihte sich auch Hannelore Boese ein, die am Kappelberg wohnt. “Eine Autobahn, die direkt durch Wohngebiete führt, ist unverantwortlich – die Natur wird zerstört.” Wenige Meter neben ihr argumentierte Stefan Becker vom Moorweg: “Bei der Auswahl für die Trasse ist der Schutz des Menschen nicht genügend beachtet worden. In Lüne und Moorfeld sind Jung und Alt zusammengewachsen, das ist ein lebendiger Stadtteil, der zerstört wird. In der Grundschule wird kein Unterricht mehr möglich sein, das Kloster ist in baulicher Gefahr.” Eine Tunnellösung, wie vom SPD-Landtagsabgeordneten Manfred Nahrstedt in die Diskussion gebracht, hält Becker “für nicht machbar, weil viel zu teuer”. Zudem sei Lüne ein “biologisch sehr sensibles” Gebiet.

“Wir fordern unsere politischen Vertreter auf: Menschen- und Naturschutz auch hier” – dieses Plakat trugen Niklas Köhne und Jonas Spengler 30 Minuten lang auf dem Fußgängerüberweg am Klärwerk bei jeder gedrückten Grünphase hin und her. Flankiert wurden sie unter anderem vom grünen Landtagsabgeordneten Andreas Meihsies und CDU-OB-Kandidat Prof. Dr. Jürgen Lürssen. Den Verkehr zu blockieren, schafften sie nicht - die Ampelschaltung sieht lange Grünphasen für die Autofahrer vor.

Danach startete der Protestzug in die Innenstadt. Samt Transparenten mit Aufschriften wie “Wenn beten oder bitten helfen kann, lieber Gott, lieber Weihnachtsmann, befreit uns von diesem Wahn, wir wollen durch LG keine Autobahn” machten Demonstranten ihrem Ärger Luft und diskutierten die negativen Auswirkungen. Ortrud Doll, Erbstorfer Landstraße: “Eine Autobahn bringt Lüneburg wirtschaftlich nicht voran. Den Titel Weltkulturerbe könnte sich Lüneburg abschminken. Und auch eine Tunnellösung würde den Wald zerstören.” Das sieht Peter Franke, Gorch-Fock-Straße, ähnlich: "Ein Tunnel bringt ein Grundwasserproblem und Senkungsschäden.” Und den Sinn des Straßenbaus erklärte er so: “Straßen sollen Städte verbinden und sie nicht trennen.”

Vor dem Landgericht machte Verena Fiedler von der BI deutlich, dass die A 39 einen lebendigen Stadtteil “mit Alteingesessenen und neu zugezogenen Familien zerschneiden” würde: “Das ist für uns unfassbar, wir fühlen uns bedroht.” Stefanie Becker nannte weitere Forderungen: “Die B 4 nicht weiter ausbauen, die Lärmbelästigung eindämmen, andere verkehrspolitische Lösungen finden.”

Die Äußerungen von OB Mädge gegen eine A 39 durch die Stadt wurden mit Applaus bedacht, es gab aber Pfiffe, als er sagte: “Wir brauchen die A 39, um den Wirtschaftsraum Lüneburg mit dem Süden zu verbinden. Verschiedene Trassenmöglichkeiten müssen untersucht werden – ich setzte mich für die A 39 ein, aber für eine menschenverträgliche Trasse.”

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