Quelle: Hamburger Abendblatt, 1. April 2006

Entsetzen in der Idylle

Autobahn: 39 Trasse in Lüneburg beeinträchtigt Häuser und Kloster. Statt quakender Frösche bald brüllende Lkw? Hausbauer und -besitzer fürchten die geplante neue A 39.

Von Elke Schneefuß

Lüneburg - Seit Beginn dieser Woche zeigt die Idylle tiefe Risse: "Von beschaulichem Kleinstadtleben sind wir im Moment weit entfernt", sagt Birgit Folster, Anwohnerin der Gebrüder-Loewe-Straße im Stadtteil Lüne. Am vergangenen Dienstag hatte das Niedersächsische Landesamt für Straßenbau die bevorzugte Trassenführung für die geplante Autobahn A 39 zwischen Lüneburg und Wolfsburg vorgestellt. Danach wird Familie Folster irgendwann in Sichtweite der Autobahn Kaffee trinken. Der Blick aus dem vor zwei Jahren errichteten Privathaus der Folsters geht direkt auf die geplante Strecke. Dort, wo jetzt noch Frösche an einem Teich quaken, soll demnächst der Fernverkehr rauschen. "Unser Traumhaus ist nichts mehr wert", sagt Birgit Folster, "Dabei steckt alles, was wir erwirtschaftet haben, hier drin."

Fassungslosigkeit auch bei Daniela Mendel, deren Eigenheim nebenan gerade im Bau ist: "Wir wollen im Sommer einziehen", erklärt sie. "Um uns das leisten zu können, haben wir unsere Eigentumswohnung verkauft und Kredite aufgenommen." Kopfschüttelnd setzt sie hinzu: "Früher habe ich mich gefragt, warum Menschen neben einer Stadtautobahn leben. Jetzt weiß ich, wie so etwas passieren kann."

Befremden und Bestürzung auch ein paar Meter weiter im Westen. Seit 30 Jahren lebt Irmela Momberg auf einer grünen Insel mitten in Lüne. Ihr Haus mit Fensterläden und Sprossenfenstern steht unter jahrhundertealten Bäumen: "Wir haben hier Nachtigallen und Eichhörnchen, die auf unsere Terrasse kommen. Bei Nacht können Sie den Fledermäusen zuschauen." Die Mombergs leben in einem ehemaligen Behelfsheim für Forstarbeiter, das sie umgestaltet haben: "Da haben wir viel reingesteckt." Daß die A 39 demnächst vor ihrer Haustür zu sehen und zu hören sein wird, will sie nicht akzeptieren: "Wir werden uns wehren. Ich verstehe nicht, wie man eine Autobahn mitten durch die gewachsenen Strukturen eines Stadtteils planen kann."

Ihr Unverständnis teilen viele: "Wir sind schon genug belastet", sagt Heide Ebeling, die im Lüner Weg ein modernes Reihenhaus bewohnt: "Diese Ecke ist umzingelt von Straßen und Eisenbahnstrecken." Demnächst könnte sie auch noch vom Hinterland abgeschnitten sein: Ob die Kinder des angrenzenden Stadtteils Moorfeld den Weg zur benachbarten Grundschule und zum Kindergarten nach dem Bau der geplanten Autobahn allein bewältigen können, wird allgemein bezweifelt.

Das historische Ambiente des unter Denkmalschutz stehenden Klosters Lüne (1172 gegründet) wird in jedem Fall beschädigt. "Ich bin eigentlich keine Gegnerin der A 39. Aber gegen diese Streckenführung werden wir die Anwälte bemühen", erklärt Äbtissin Barbara Taglang. Die Kunstschätze des Klosters werden von dem Verkehr auf der nahegelegenen Bahnstrecke Hannover-Hamburg schon genug geschädigt: "Der Hochaltar in der Klosterkirche, die Exponate des Textilmuseums und die Bausubstanz der Anlage, alles leidet." Käme die A 39 dazu, würde sich die Situation insgesamt enorm verschlechtern.

Daß die jetzt vorgestellte Trassenführung das Ergebnis einer ausgewogenen Planung ist, wird von den Anwohnern deshalb massiv bezweifelt.

Genährt werden die Zweifel von der topographischen Karte, auf der die Landesbehörde für Straßenbau ihre Vorzugsvariante der Öffentlichkeit präsentiert hat. Diese Karte ist nicht aktuell, sondern stammt aus den Jahren 2001/2002. "Damals gab es unser Neubaugebiet noch gar nicht. Womöglich haben die uns bei ihrer Planung schlicht übersehen", mutmaßt Anwohnerin Birgit Folster.

Seitens der Stadt hat man eine Arbeitsgruppe eingerichtet und ein Rechtsanwaltsbüro beauftragt, das alle Register gegen die Trasse ziehen soll. Verständlich, denn wenn die geplante Stadtautobahn kommt, würde die Erschließung des Neubaugebiets "Schlieffenpark" an der Bleckeder Landstraße nahezu unmöglich. Wohnungen und Häuser für 2000 Menschen sollten im "Schlieffenpark" entstehen, eine Einkaufsmeile und ein Gründerzentrum für Jungunternehmer waren geplant. Die in den achtziger Jahren begonnene Konversion von Militärbrachen in der Stadt wäre mit diesem Projekt abgeschlossen. Jetzt kann es passieren, daß die Brache eine Wildnis bleibt: "Wer fühlt sich schon wohl neben einer sechs Meter hohen Lärmschutzwand?" fragt Peter Weerda, Mitglied der Bürgerinitiative Lebensberg. Die Antwort darauf muß man ihm wohl schuldig bleiben.

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