Quelle: Landeszeitung, 17. Februar 2006

Wachstum durch A 39 umstritten

Kontroverse Diskussion in der Uni

ml Lüneburg. “Erstmals sitzen Gegner und Befürworter der Autobahn 39 gemeinsam auf dem Podium”, freuten sich die Organisatoren Markus Kristen vom Umweltverein Gellersen im Westen und Peter Weerda von der Aktion Lebensberg im Osten Lüneburgs. Eine hochkarätige Runde und das brisante Thema “Risiken und Chancen der A 39” sorgten am Mittwochabend für einen vollen Hörsaal in der Uni Lüneburg.

Die Diskussion drehte sich allerdings eher um “Sinn oder Unsinn der A 39”. Eine Frage, die nach Ansicht der Behördenvertreter Klaus Neumann und Friedhelm Fischer bereits mit der Verabschiedung des Fernstraßenausbaugesetzes im Oktober 2004 beantwortet worden ist. “Die politische Entscheidung für die Autobahn ist in Hannover und Berlin längst gefallen”, sagte Fischer, Leiter der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr, und wiederholte einen seiner Standardsätze: “Wir haben nur den Auftrag, die Autobahn zu planen - und genau das tun wir.”

Auch aus Neumanns Sicht hätten deshalb Politiker, nicht Planer auf dem Podium sitzen sollen. Gleichwohl erklärte der für das Raumordnungsverfahren verantwortliche Mitarbeiter der Regierungsvertretung Lüneburg, die Landesregierung erwarte Impulse für die wirtschaftsschwachen Räume entlang der Trasse. “So wie sie bei anderen Autobahn-Projekten zu beobachten waren.”

Aufschwung und Perspektiven mit Blick auf den demografischen Wandel erhofft sich auch Uelzens Bürgermeister Otto Lukat: “Wir wollen nichts weniger, als das, was Lüneburg mit der A 250 schon hat: die direkte Verbindung nach Hamburg.” Als Teil der Metropolregion wolle schließlich auch seine Stadt vom Boom des Hafens profitieren.

Ob eine Autobahn tatsächlich den wirtschaftlichen Aufschwung einer Region befördert, ist für Prof. Dr. Matthias Gather, Verkehrsexperte der Fachhochschule Erfurt, keinesfalls erwiesen. “Politiker preisen den Autobahnbau als wesentlichen Standortfaktor, empirisch ist das nicht nachweisbar.” Vielmehr belegten Studien, dass “von besseren Verkehrsverbindungen die wirtschaftsstärkere von zwei Regionen profitiert”.

Grundsätzlich siedeln sich Unternehmen laut Gather zwar entlang von Autobahnen an. “Doch meist sind es Betriebe aus der Region, die einen besseren Standort suchen.”

Deshalb lehnt Unternehmer Stefan Deerberg aus Velgen die A 39 ab. Der Geschäftsführer des gleichnamigen Schuhversandhandels ist vielmehr Verfechter des Wettbewerbs der Ideen. Besser als die Konkurrenz und offen für Veränderungen sein, lautet seine Maxime. “Wachstum entspringt einzig den Köpfen von Unternehmern.”

Das sieht Ex-HK-Mann Hartmut Schöberl ganz anders. “Wohlstandswachstum kann nicht auf Verkehrswachstum verzichten. Das ist in Studien nachgewiesen.” Doch welche Aussagen welchen Studien entnommen werden können, sorgte für Kontroversen.

Denn auch Professor Dr. Peter Pez von der Universität Lüneburg glaubt nicht an einen engen Zusammenhang von Autobahnbau und wirtschaftlicher Entwicklung, plädiert stattdessen für die Entkopplung beider Themenfelder. “Nach der Freigabe der A 250 Ende 1995 ist die Zahl der Arbeitslosen dramatisch gestiegen”, so Petz. “Nur hat das eine mit dem anderen nichts zu tun.”

Ein Fragezeichen setzt der Wisssenschaftler hinter die Entlastung für die Bundesstraße 4 durch die A 39. Verwaltung und Politik wirft Pez vor, nicht ernsthaft nach Alternativen zum Autobahnbau gesucht zu haben. “Ein Neubau der B 4 mit Ortsumgehungen für alle Dörfer bringt mehr, die Fahrzeiten gegenüber einer Autobahn sind nur unwesentlich länger.”

Zwar hat Planer Fischer den Ausbau untersucht, doch nicht nur aus technischen Gründen ist dies für ihn keine Alternative. “Dafür gibt es keinen Planungsauftrag. Zudem haben unsere Berechnungen ergeben, dass die B 4 durch die A 39 erheblich vom Schwerlastverkehr entlastet wird.”

Unter dem Strich steht die Aussage des Ebensberger Ortsvorstehers Heiko Dörbaum: “Diese Diskussion hätte vor zwei Jahren geführt werden müssen.” Somit warten Befürworter und Gegner der A 39 auf einen Termin Anfang März: Dann wird die Vorzugsvariante vorgestellt und die Frage beantwortet werden: Kommt die A 39 im Osten oder im Westen?

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