Quelle: Weser Kurier, 21. Januar 2005

Stadland guckt beim Tunnel in die Röhre

Ein Jahr nach Freigabe der Weserquerung zieht die Gemeinde eine negative Bilanz

Von Jürgen Hinrichs

RODENKIRCHEN. Ein Jahr ist es her, seit mit großem Pomp der Wesertunnel zwischen Kleinensiel und Dedesdorf eröffnet wurde. Eine Jahrhundertchance für die Region, jubelten die Politiker damals. Mit dem Tunnel sollte in dem strukturschwachen Gebiet endlich der wirtschaftliche Aufschwung kommen. Doch passiert ist seitdem so gut wie nichts. Vom zusätzlichen Verkehr bleibt nur Lärm und Gestank.

Bis zu 12.000 Fahrzeuge passieren täglich den 1,6 Kilometer langen Wesertunnel. Vorher, als die Pendler und Brummifahrer nur mit Fähren den Fluss queren konnten, waren es rund 6000 Fahrzeuge. Das Verkehrsaufkommen hat sich verdoppelt, liegt aber trotzdem noch deutlich unter der Prognose der Verkehrsplaner. Sie hatten für das 350-Millionen-Projekt eine Frequenz von täglich 20.000 Fahrzeugen angenommen.

“Nach nur einem Jahr ist das ganz normal”, sagt Joachim Delfs vom Straßenbauamt Oldenburg. Der Tunnel sei hervorragend angenommen worden. “Er ist ein voller Erfolg”, freut sich Delfs. Die allseits erhofften völlig neuen Verkehrs- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Siedlungsräumen links und rechts der Weser würden sich erst noch entwickeln. Die Zielmarke von 20.000 Fahrzeugen sei deswegen ja auch auf das Jahr 2010 bezogen worden. “Wenn wir jetzt schon wesentlich mehr Verkehr hätten als zurzeit gezählt, bekämen wir in wenigen Jahren ein Problem.”

Boris Schierholdt, Bürgermeister der Gemeinde Stadland (Landkreis Wesermarsch), mag den Optimismus des Straßenbauers nicht teilen. “Die große Euphorie ist verflogen”, sagt er. “Wir sehen den Verkehr vorbei fahren, und es fällt nichts für uns ab.”

Gerade einmal ein Unternehmen habe sich im elf Hektar großen Gewerbebetrieb der Gemeinde am Rande des Tunnels angesiedelt. Und auf der anderen Weserseite, weiß Schierholdt, sieht es nicht besser aus. “Es ist wie damals mit Helmut Kohl und seinen blühenden Landschaften”, vergleicht der Bürgermeister. “Das Einzige, was hier blüht, ist die Pusteblume.”

Schierholdt will zwar noch nicht in Resignation verfallen; “wir brauchen einen langen Atem”, sagt er. Bis heute aber sei die Bilanz für seine Gemeinde durch und durch negativ. “Wir haben auf den Bundestraßen deutlich mehr Verkehr, vor allem die schweren Laster.” Das bringt Lärm und Gestank, aber noch keine Arbeitsplätze.

Wenn überhaupt jemand etwas Positives über den Tunnel sage, dann nur, dass der Weg zum Einkaufen nach Bremerhaven so schön kurz geworden sei. Das Ergebnis für Stadland: “Die Kaufkraft fließt ab”, klagt Schierholdt.

Die Gegner des Wesertunnels – örtliche Bürgerinitiativen, Umweltschutzverbände und die Grünen in Land und Bund – werden sich durch die Äußerungen des Bürgermeisters bestätigt fühlen. Sie hatten vor Baubeginn stets davor gewarnt, dass der Tunnel jede Menge Transitverkehr in die Region locke, nicht aber auch einen wirtschaftlichen Nutzen bringe. Die Flussquerung sei lediglich als Bindeglied für die geplante Küstenautobahn gedacht, lautete damals die Kritik.

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