Quelle: Hamburger Abendblatt, 17. Januar 2005

Seit Einführung der Maut: Alle 90 Sekunden ein Lkw

Um neun Uhr morgens betritt Michael Breitkopf seine Versicherungsagentur in Börnsen, kurz hinter Bergedorf. Drei Meter vor der Tür verläuft die Bundesstraße B 5. Als Michael Breitkopf seine Arbeit beginnt, hört er von draußen ein dunkles Grollen. Ein Lastzug nach dem anderen rollt an diesem 3. Januar vor dem Fenster vorbei. Michael Breitkopf fällt auf: Es ist der erste Werktag nach dem Start der Lkw-Maut. Von jetzt an zieht der Versicherungsmakler für jeden Laster, der das Büro passiert, einen Strich auf der Schreibtischunterlage. Es werden viele Striche.

Zwei Wochen später. Der Verkehr nimmt immer noch zu. „Sie kommen fast im Minutentakt“, sagt Breitkopf. „Vorher fuhren hier drei, vier Lkw pro Stunde.“ Das hat sich – laut seiner Strichliste – verzehnfacht. Ein Auszug aus der Schreibtischunterlage: Mittwoch, 12. Januar, zwischen 10 und 11 Uhr: 46 Lkw. Die folgende Stunde: 34. Dann: 50 von 12 bis 13 Uhr. Fünf Striche passen in ein Kästchen auf dem karierten Papier. Die Bundesstraße, die hier Lauenburger Landstraße heißt, läuft parallel zur Autobahn 25 zwischen Hamburg und Geesthacht. Offenbar nutzen viele Brummifahrer den Weg über die B 5, um das Geld für die Maut zu sparen.

Michael Breitkopf sieht diesen Verdacht bestätigt: „Die Strecke zwischen Geesthacht und Curslack bietet sich dafür an.“ Er ist entsetzt: „Ich wundere mich, daß kein Aufschrei durch die Bevölkerung geht. Alle sagen jetzt, wir brauchen erst mal verläßliche Zahlen. Aber man kann doch nicht warten, bis da ein Kind tot auf der Straße liegt!“ Durch die dicke Schaufensterscheibe dringt nur ein Rauschen in sein Büro. Auf der Straße rollen die Lkw weiter – fast im Minutentakt.

Etwa drei Kilometer weiter, Richtung Hamburg, wohnt Matthias Hertle mit seiner Frau und dem einjährigen Sohn Finn. Hier heißt die B 5 Rothenhauschaussee. Immer noch fahren die Laster im Minutentakt. „Wir haben erst 2002 gebaut“, sagt Hertle. „Wir überlegen schon, ob wir wieder wegziehen sollen. Es ist einfach zuviel los. Und der Kleine fängt gerade an zu laufen.“ Vor allem für Kinder sieht er eine Gefahr – wegen der Fußgängerampeln. „Sie sind nicht auf die Lkw eingestellt. Die Gelbphase ist so kurz, daß die Fahrer nicht rechtzeitig bremsen können.“

Neun bis 14 Cent zahlt ein Lastwagenfahrer pro Kilometer auf der Autobahn - je nach Achsenzahl und Schadstoffklasse. Ein Container-Transporter der Firma Buhck aus dem benachbarten Wiershop fährt an Breitkopfs Büro vorbei. Nutzen deren Fahrer jetzt bevorzugt Bundesstraßen? „Das legen wir in die Verantwortung der Fahrer“, sagt Jens Bauer, Fuhrparkleiter der Buhck GmbH & Co. KG mit Sitz in Wiershop bei Geesthacht. „Wenn die Termine den Umweg erlauben, kann ich mir das allzugut vorstellen.“ Zum Beispiel auf der Strecke Hamburg-Halle. „Da fahren jetzt wohl viele Bundesstraße bis kurz vor Magdeburg. Das hat früher kein Mensch gemacht.“ Michael Breitkopf stellt klar: „Ich mache den Speditionen keinen Vorwurf. Die müssen auch sehen, wie sie klarkommen.“

Mit seiner Datensammlung steht Michael Breitkopf bislang noch allein. Die Polizei erhebt keine Zahlen vor Ort. Die Stadtentwicklungsbehörde mißt den Verkehr auf der B 5 zwischen Moorfleeter Straße und Horner Rampe in Hamburg Billbrook. Dort fuhren täglich 70.000 Fahrzeuge – im Jahr 2003. „Die aktuellen Daten werden wir in anderthalb Jahren haben“, sagt Behördensprecherin Claudia Eggert.

Der ADAC hat bundesweit zehn Meßtrupps abgestellt, aber nicht auf der B 5. „Man muß abwarten“, sagt Matthias Schmitting, Sprecher des ADAC-Hamburg. „Es wird ein Ausweichen auf die Bundesstraßen geben, aber die Frage ist, ob es signifikant sein wird". „Auf bestimmten Bundesstraßen wird sicher mehr los sein“, sagt Frank Wylezol, Referent des Verbandes Straßengüterverkehr und Logistik Hamburg. „Aber nicht auf allen. Die Fahrt dauert deutlich länger.“

Spätestens im Frühjahr, hofft Michael Breitkopf, kommt der Aufschrei. Und zwar dann, „wenn die Leute hier erst wieder draußen vor ihren Häusern sitzen.“

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