Quelle: Neues Deutschland, 23. Oktober 2004

Auto als Jobkiller

Bahn-Initiative zu Beschäftigungswirkungen der Schiene

Von Uwe Witt

Verkehrsexperten warnen: Nur eine Neuorientierung auf Schiene und Öffentlichen Nahverkehr schafft Jobs. Die gegenwärtige Politik pro Straße zerstört dagegen Beschäftigung.

Wussten Sie, dass die Steuerzahler beim Autobahnbau fast ausschließlich den Lkw-Verkehr subventionieren? Von 1991 bis 2001 nahm die Fahrzeugleistung bei den Pkw um drei Prozent zu, die der Lkw aber um 43 Prozent. Das stellte der Sachverständigenrat für Umweltfragen jüngst fest. Zudem belasten die enormen Achslasten eines einzigen 40-Tonners den Straßenbelag genauso wie 160.000 Autos. Demzufolge ist auch die Instandhaltung der Autobahnen überwiegend ein Brummi-Service.

Während Milliarden für Laster in Bundesstraßen versanken, ging der Anteil des Schienengüterverkehrs am Gesamtverkehr von 15,6 Prozent 1994 – dem Beginn der Bahnreform – auf 15,4 Prozent 2003 zurück. Ein Ziel der Reform war aber, diesen Anteil bis 2015 zu verdoppeln. Bilanz wie Ausblick zeigen nach Ansicht von Professor Jürgen Rochlitz, »dass die Verkehrspolitik total falsch programmiert ist«. Diese Ausrichtung pro Straße koste zehntausende Jobs. Rochlitz, ehemaliger grüner Bundestagsabgeordneter, gehört zur Expertengruppe »Bürgerbahn statt Börsenbahn« (BsB). Die Initiative stellte gestern anlässlich der Bahntechnik-Messe Innotrans ein Papier zum Thema Arbeitsplätze und Verkehr vor.

Jeder siebte deutsche Arbeitsplatz hängt angeblich von der Autoindustrie ab. »Unsinn« sagt der Publizist und Ex-Bundestagsabgeordnete der PDS, Winfried Wolf. Die reale Zahl derjenigen, die im Automobil-Fahrzeugbau plus Zulieferer beschäftigt sind, betrage 800.000. Das wäre jeder 31. Job. Die Bundesregierung teilte einst auf eine Anfrage mit, dass bei einer mit dem Autosektor vergleichbaren Rechnung ebenfalls 800.000 Menschen »direkt und indirekt bei Betrieb und Herstellung einschließlich Wartung von Bahntechnik abhängig« sind.

Wolf konstatiert jedoch in der öffentlichen Debatte eine offensichtlich unterschiedliche Wertigkeit von solchen Arbeitsplätzen. Stellenabbau bei Autoindustrie erzeuge regelmäßig einen Aufschrei, während dasselbe bei der Schiene oder im öffentlichen Verkehr als »Sanierung« gefeiert werde. Allein bei der Deutschen Bahn (DB) wurden in den letzten zehn Jahren rund 200.000 Arbeitsplätze abgebaut. Bei der Bahntechnik waren es noch einmal 30.000 und im Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) 90.000.

Mit dem geplanten Börsengang der DB im Jahr 2006 würde noch einmal der Druck erhöht, Kosten zu sparen, erklärte Johannes Hauber, Europa-Betriebsrat von Bombardier Transportation. Er wies darauf hin, dass das Schienennetz jährlich um rund 500 Kilometer schrumpft, während das Straßennetz um zirka 1.000 Kilometer wächst. Die jüngsten Sparmaßnahmen für die Schiene, wie die Reduzierung der Investitionen in den Ausbau der Schieneninfrastruktur von 4,3 Milliarden Euro 2003 auf 2,2 Milliarden 2004, bedrohten das Netz als Ganzes. Eine weitere Folge sei, dass bereits ausgeschriebene Bestellungen von 500 Dieselloks ausblieben.

Aus sozialer und ökologischer Sicht sei eine Kehrtwende in Richtung pro Schiene und öffentlichen Verkehr unabdingbar, fasste Hans-Joachim Kernchen, Vorsitzender Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) zusammen. Eine solche Politik könnte nach einschlägigen Studien netto 207000 neue Arbeitsplätze schaffen. So entstünden mit 100 Millionen Euro Investitionen beim Autobahnbau nur 1.200 neue Jobs, bei der Schiene 1.900 und beim ÖPNV sogar 2.000.

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