Quelle: Süddeutsche Zeitung, 27. September 2004

Fahrt in die Sackgasse

Gleichung “Autobahn ist gleich Wachstum” geht nicht mehr auf

Rund 6,8 Milliarden Euro sollen auf Wunsch der Staatsregierung bis zum Jahr 2015 in Bayern investiert werden, um das Netz der Autobahnen und Bundesfernstraßen im Freistaat noch engmaschiger zu machen. Der Aufwand sei nötig, so sagen Politiker und Wirtschaftsverbände, denn ohne Verkehr gebe es kein Wachstum. Also wird die Landschaft weiter versiegelt. Nach Berechnungen von Wirtschafts-Geographen an der TU München verschwinden bundesweit pro Tag etwa 117 Hektar Natur unter Asphalt und Beton.

Der ungebremste Landverlust und damit das Verschwinden von Lebensräumen für Tiere und Pflanzen ist in den Augen vieler Umweltschützer und Bürgerinitiativen ein zu hoher Preis für Wirtschaftswachstum. Und schon lange nagt in ihnen der Zweifel, ob die Gleichung Verkehr ist gleich Wachstum überhaupt noch stimmt. Schließlich gibt es Regionen in Deutschland wie etwa das Ruhrgebiet, die kreuz und quer mit Autobahnen erschlossen sind und trotzdem Probleme haben. Ähnliches gilt für die Region um Hof in Oberfranken. Autobahnmäßig gesehen liegt der Nord-Osten des Freistaates alles andere als im Verkehrsschatten, trotzdem will sich kein neues Unternehmen dort ansiedeln. Welchen wirtschaftlichen Nutzen bringt also eine Autobahn?

“Kein Gewerbebetrieb kommt zusätzlich, weil eine Autobahn gebaut wurde”, sagt Matthias Gather. Er lehrt im Fachbereich Verkehrs- und Transportwesen an der Fachhochschule Erfurt. Zusammen mit seinen Studenten hat er umfangreiches Datenmaterial der Jahre 1989 bis 1999 über die wirtschaftliche Situation und Entwicklung der Gemeinden und Landkreise im Einzugsbereich der beiden Thüringer Autobahnen A 4 und A 9 ausgewertet. Das Ergebnis seiner Studie hat Gather jetzt auf einem Symposium dargelegt, zu dem Deutschlands größte Verbrauchergenossenschaft “Tagwerk” in Dorfen (Kreis Erding) aus Anlass ihres 20-jährigen Jubiläums eingeladen hatte.

Folgt man der Erfurter Studie, dann wirkt eine Autobahn ähnlich wie eine Drainage: Zwar lassen sich an dieser Verkehrsachse immer mehr Betriebe nieder. Doch handelt es sich dabei mehrheitlich um Unternehmen, die ihren Standort innerhalb der Region nur wechseln – weg aus dem Hinterland, hin zur Autobahn, wo sie noch freies Bauland für ihre Vergrößerung und einen guten Verkehrsanschluss finden. Kommunen in Autobahnnähe gewinnen, Kommunen abseits der Autobahnen geraten weiter ins Abseits. Die Fläche entleert sich. Das Fazit von Gather: “Die Behauptung von Wirtschaftsverbänden, dass der Bau von Autobahnen ein herausragender Standortfaktor sei, ist nicht zu halten und wird auch nicht durch die Fachliteratur gestützt.”

Zu nüchterner Betrachtungsweise riet auch Thomas Puls vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Verglichen mit anderen EU-Ländern sei Deutschland verkehrsmäßig gut erschlossen, “mit dem Bau einer neuen Autobahn wird das große Wirtschaftswunder nicht stattfinden”. Ohnehin glaubt Puls, dass alle Verkehrsprognosen, mit denen Politiker ihre Forderung nach neuen Autobahnen begründen, “bei weitem überhöht” sind. Einen ketzerischen Rat gab schließlich Stephan Brückl vom Süddeutschen Institut für nachhaltiges Wirtschaften in Augsburg: “Wenn man eine Wirtschaft ruinieren will, muss man den Transport billig, die Straßen schnell und die Arbeit teuer machen, dann werden die Jobs ins Ausland verlegt.”

Christian Schneider

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