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Quelle: Braunschweiger Zeitung, 3. Juni 2004 A 39-Baustelle: Lieblingshorst der Pleitegeier?Nach erneutem Konkurs der Baufirma: Tiefbauunternehmen werfen Straßenbauamt vor, Warnsignale nicht beachtet zu habenVon Jörn Stachura Wie kann es passieren, dass sich die Fertigstellung eines 2,2 Kilometer langen Autobahnteilstücks der A39 um mehr als 18 Monate verzögert? Eine Verkettung unglücklicher Umstände, sagt das Straßenbauamt Wolfenbüttel. Bodenloser Leichtsinn bei der Vergabe, sagen hingegen Tiefbau-Firmen. Denn die Firmenpleiten, die die Bauarbeiten immer wieder stoppten, seien absehbar gewesen. Erst erwischte es die Brückenbauer von Holzmann, dann die Berliner Tiefbauer von Terramix/Lithas, und vor einigen Wochen musste schließlich TUG Tiefbau- und Umwelttechnik aus Burg den Gang zum Konkursrichter antreten. Spielten bei der Holzmann-Pleite lokale Gründe keine Rolle, so wird von Tiefbaufirmen der Region dem Straßenbauamt Wolfenbüttel mittlerweile vorgeworfen, die Augen vor der tatsächlichen Leistungsfähigkeit von Terramix/Lithas und TUG verschlossen zu haben. “Hauptsache billig, egal wie”, habe die Devise gelautet. Nur dadurch hätten die Pleite-Firmen den Auftrag erhalten. “Sorgfältige Prüfung”Tatsächlich war die Autobahn-Verlängerung ein ganz dicker Fisch für Tiefbauer aus ganz Deutschland. Ein Millionen-Auftrag, der Folgeaufträge bei einer weiteren Verlängerung der A 39 erhoffen ließ. So tobte im Mai 2001 ein heftiger Preiskampf, gerechnet wurde mit spitzem Bleistift: Am Ende machte zur allgemeinen Überraschung Terramix/Lithas das Rennen. Bei 5,3 Millionen Mark lag ihr Angebot. Rund 400 000 Mark unter dem, so heißt es, des schärfsten Konkurrenten. Dass die Tiefbauer der Region verärgert waren, ist eine Untertreibung. Denn Terramix hatte seine besten Zeiten während des Bauzeit der Tiefgarage Welfenhof. Das liegt lange zurück. Braunschweiger Tiefbauer meinen, die Maueröffnung habe viel dazu beigetragen, dass Terramix weitere Betätigungsfelder fand. In der Region sei damals der Ruf nahezu ruiniert gewesen. Als 2001 Terramix die Ausschreibung gewann, “leuchteten auch bei uns die roten Warnlampen”, berichtet Bernd Mühlnickel, Leiter Straßenbauamt Wolfenbüttel. An Warnungen der Tiefbau-Konkurrenz, die von Insolvenzen einiger Terramix-Töchter berichtet haben wollen, kann er sich nicht erinnern. “Uns waren jedoch Schwierigkeiten bekannt, was eine besonders sorgfältige Prüfung notwendig machte.” Doch alles schien in Ordnung. Die Referenzen seien gut gewesen. Bargeld aus KofferDoch die können täuschen. Denn der große Trumpf der Firma war eine eigene Kiesgrube bei Bortfeld (Landkreis Peine). 16 Kilometer bis zur A39-Baustelle der Weg nur lang. Und Kies wurde in Tausenden von Lastwagenladungen benötigt, die riesigen Lärmschutzwände an der B1 und das Autobahn-Fundament aufzuschütten. Doch: In der Kiesgrube lagerte Terramix Bauschutt. Einen Monat vor dem Ausschreibungserfolg wurde Terramix aufgefordert, “mittels Verfügung”, so der Landkreis Peine, “die 300 000 Tonnen Straßenbruch dort zu entfernen”. Informationen unserer Zeitung, die Kiesgrube sei weitgehend erschöpft gewesen und Terramix habe auf angrenzenden Grundstücken Kiesvorkommen “angeknabbert”, wollte der Landkreis unter Hinweis auf ein “bis heute schwebendes Verfahren” nicht bestätigen. Weil bis November 2002 aber nur 100 000 Tonnen Bauschutt aus der Grube abgefahren waren, setzte der Landkreis “Zwangsmittel fest”. Terramix musste aus der Nähe von Leiferde im Landkreis Gifhorn den Kies heranfahren. Der Anfahrtsweg verdoppelte sich. Branchenkenner meinen: “Die haben bei jeder Fuhre 30 bis 50 Euro draufgelegt und konnten auf der Baustelle wohl nur ein Drittel der nötigen Kiesmengeanliefern, Maschinen und Personal auszulasten.” Die Probleme sprachen sich schnell herum. Der Geschäftsführer reiste mit Bargeld im Koffer, und auch beim Straßenbauamt Wolfenbüttel wusste man: “Diesel und Lkw-Reifen gab es nur noch gegen Vorkasse.” Persönlicher KonkursSelbst der Terramix-Partner Lithas war in der Krise nur ein Scheinpartner in einer seltsamen Arbeitsgemeinschaft. Die Geschäftsführer, so bestätigte das Straßenbauamt, “waren identisch”. Im März 2003 endete das Intermezzo Terramix/Lithas mit dem Konkurs der Firmen. Dann kam TUG. Wieder heftigster Protest der hiesigen Tiefbaubranche. Denn TUG war ein Branchenneuling. Gegründet am 30. August 2002. Der Geschäftsführer und Gesellschafter musste mit seiner anderen Firma RTS-Bau zwei Monate später Konkurs anmelden. Als im Sommer 2003 dennoch der Auftrag an TUG erging, verhinderte dies nicht, dass Ende August 2003 der Geschäftsführer/Gesellschafter auch persönlich Insolvenz anmelden musste. Unschlagbares AngebotDoch das TUG-Angebot, die Arbeiten für etwa 1,5 Millionen Euro zu beenden, wog schwer. Es soll rund 200 000 Euro unter dem Angebot des schärfsten Konkurrenten gelegen haben. Der Protest führte jedoch so weit, berichtete der Chef des Straßenbauamts Wolfenbüttel, “dass die Vorprüfgruppe in Hannover unsere Auftragsvergabe überprüfte und auch bestätigte. Wir sind an Recht und Gesetz gebunden und können niemanden aus dem Bauch heraus einfach von einer Ausschreibung ausschließen.” Wie intensiv dabei die Tariftreue des Unternehmens untersucht wurde und ob Dumping-Löhne zur Grundlage des Ausschreibungserfolgs führte, steht dahin. Mühlnickel beteuert: “Auch dies wurde in Hannover überprüft.” Fest steht jedoch: Beim Arbeitgeberverband Bauhauptgewerbe und beim Landesverband Bauindustrie Sachsen-Anhalt hieß es übereinstimmend: “Die Firma TUG ist uns unbekannt.” Weit vorsichtiger waren jedoch Reifenhändler und Tankstellenbesitzer in Braunschweig und Umgebung. Auch für TUG galt: Barzahlung. Am 6. April 2004 wurde Konkurs angemeldet. Nun soll die nächste Firma kommen, um die Restarbeiten zu erledigen. Welche zusätzlichen Kosten entstehen, weiß man selbst in Wolfenbüttel noch nicht. Klar ist jedoch: Zum dritten Mal werden teure Vermessungsexperten ausrücken, um zu ermitteln, welche Bodenmassen bis jetzt bewegt wurden und welche Massen noch bewegt werden müssen. Da fertig aufgeschüttete Erdwälle nicht begrünt wurden, hat Regen für Auswaschungen und tiefe Rinnen gesorgt. Völlig unklar ist, ob dies auch Folgen für die Entwässerungsrohre im Boden hat und ob Spülen reicht. Im Straßenbauamt Wolfenbüttel heißt es dazu: “Jede Firma muss bei Auftagsvergabe eine Bürgschaft vorweisen, damit in solchen Fällen eine Regulierung möglich wird. Dem Steuerzahler entsteht also kein Schaden.” |