Quelle: Welt am Sonntag, 16. Mai 2004

Politik geht baden

(Auszug)

Wenn Walther Rathenau, damals Reichsaußenminister, Anfang der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Unter den Linden in der Mitte Berlins spazieren ging, zogen die Leute den Hut und grüßten ehrfurchtsvoll. Wenn sich heute Hans Eichel, der deutsche Finanzminister, auf die gleiche Straße verirrt, kichern die Leute und schauen schnell wieder weg.

Auch so tritt in Erscheinung, was wir seit geraumer Zeit beklagen: die Krise des Politischen. Die Krise ist nicht neu.

Politikverdrossenheit war einmal Wort des Jahres. Aber nicht etwa vor zwei Jahren, sondern 1992. Vor zwölf Jahren schon wurde über einen Verlust politischer Glaubwürdigkeit, Überzeugungs- und Durchsetzungskraft geklagt, schon damals näherte sich das Sozialprestige der politischen Klasse dem unteren Rand der gesellschaftlichen Beliebtheitsskala. Mittlerweile ist die Politik dort angekommen: ganz unten. Und verbreiteter noch als die Politikverdrossenheit ist die Politikerverdrossenheit.

"Staubsaugervertreter werden auch nicht verächtlicher behandelt", erklärt Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung. Die Entwürdigung der politischen Klasse, einer zu schlecht bezahlten und zu schlecht angesehenen Berufsgruppe, darf uns nicht egal sein.

In einer Umfrage unter Studenten rangieren Politiker in ihrer Vertrauenswürdigkeit an vorletzter Stelle - vor Gebrauchtwagenhändlern. 76 Prozent der Befragten einer anderen Studie bestritten, dass die Parteien die Interessen des Volkes vertreten. Und unter Jugendlichen ist die Entfremdung am größten. 82 Prozent stimmten dem Satz zu: "Die Parteien sollten sich nicht wundern, wenn sie bald niemand mehr wählt." Den Worten folgen Taten: Bei der letzten Kommunalwahl in Brandenburg 2003 beteiligten sich noch gerade mal 46 Prozent der Wahlberechtigten an der Abstimmung.

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